Brief an einen Freund

Lieber Freund

Es war auf Schloss Wartegg am schönen Bodensee, wo wir uns vor sechs Jahren zuletzt gesehen haben. Gestern haben wir nach dieser langen und teils schweren Zeit kurz telefoniert. Es hat mich sehr gefreut, deine Stimme zu hören! Sie hat geschwächt und müde getönt, aber Sie hat immer noch ihren unverkennbaren, gradlinig-rauchigen Charakter. Dabei sind in mir viele Erinnerungen wach geworden. Du hast mich in jungen Jahren schwer beeindruckt, und mir auch zu neuen Horizonten verholfen.

Lass uns etwas an die Vergangenheit denken, bevor wir gemeinsam nach vorne schauen. Wir beide waren stets mit Herz und Seele für unser privates Umfeld da. Wir waren aber auch Geschäftsleute. Jeder von uns hat sich mit seiner Firma identifiziert, und deren Ziele zu seinen eigenen gemacht, und diese energisch verfochten und verfolgt.

Du hast für deine Firma alle möglichen juristischen Verantwortungen geschultert, vom Liefervertrag über die Gründung von Joint Ventures, bis hin zu den Vorstandssitzungen. Ich habe die Last schwieriger Projektkonstellationen auf meine Schultern geladen, und dabei zuweilen ganz schön geschwitzt. Du hast die Verträge gemacht, ich habe sie interpretiert. Wir beide haben genau gewusst, welches die kniffligen Passagen waren. Jeder hat nach Wegen gesucht, um ohne Schrammen an den Klippen vorbeizukommen. Zuweilen waren die Vertragspartner weniger geübt, meist jedoch auf Augenhöhe, vielleich sogar einmal gerissener.

Häufig bestand der Schlüssel zu einem erfolgreichen Besprechungsabschluss in geschickter Kommunikation. Dem einen oder anderen Nordamerikaner haben wir geholfen, über das Case Law hinauszusehen. Beim Asiaten musste man verstehen, wann ein ‘yes’ ja heisst, und wann ein ‘yes’ als ein Nein zu anzusehen war. Vorvertragliche Kundenanlässe haben zu den besten Veranstaltungen gehört. Irgendwann hatte man raus, wer die Meinungsmacher und wer die Entscheider sind. Diverse Kunden waren bei Project Closing Negotiations nicht wirklich pragmatisch, aber trotzdem war es immer Priorität, dass jeder sein Gesicht wahren konnten. Gerichtsfälle waren manchmal wie Elfmeterschiessen: die Spannung war riesig, und plötzlich hätte man jauchzen oder fluchen können.

Wir beide waren in Tianjin TEDA, sogar fast zeitgleich, du beim Joint Venture und ich im Stahlwerk. Die übereifrigen Angestellten im Hotel haben den Frühstückstisch so schnell wieder abgeräumt, dass auf unserem Stuhl schon wieder jemand anderes sass, als wir mit den exotischen Früchten vom Buffet wieder an den Tisch zurückkehren wollten. Die Dumplings und die halbtransparenten, blau-grünen Eier haben wir lieber mal beiseite gelassen. Abends nach getaner Arbeit hat fast überall auf der Welt ein kaltes Bier gut geschmeckt.

War man in Shanghai, so konnte man von der City den MAGLEV-Train zum Pudong-Flughafen nehmen. Bei 250km/h schwebte er ganz sachte und ruhig. Bei Höchstgeschwindigkeit von 432km/h war es einem aber nicht mehr ganz so wohl. Das Lustigste daran war, dass bei dieser Geschwindigkeit die Autos auf der Autobahn mit über 300km/h ‘zurückflogen’, obwohl sie in gleicher Richtung unterwegs waren. Mit etwas Glück oder gegen 60’000 Meilen hat man sich in der Flughafen-Lounge auf ein Upgrade in die First Class freuen können. Ich muss dir dabei in Erinnerung rufen, dass die Schweizer Stewardessen bei der Swiss immer noch die besseren sind also die von der Lufti.

Wir haben fremde Kulturen gesehen und unseren Lieben ein kleines Geschenk mit nach Hause gebracht. Ja, leider hat für so eine Geschäftsreise auch der eine oder andere Geburtstag daran glauben mässen. Die einladenden Geburtstagskinder haben es nicht wirklich verstanden. Wie hätten sie es denn überhaupt verstehen können? War man nicht selber den Zwängen für oder während einer solchen Reise ausgesetzt, so konnte man diese eben auch nicht verstehen. Wir beide kennen das leider nur zu gut.

In deiner freien Zeit warst du der Freiheit auf der Autobahn nicht abgeneigt. Der Audi hat gierig durch die Auffahren gezogen, der Benz stattlich über den Asphalt geschoben. Du warst auch gerne mit dem Fahrrad oder wandernd unterwegs, und vor allem stets ein formidabler Gastgeber! Vor allem nach deiner Pensionierung bist du zu einem geübten Kreuzfahrer(!) geworden. Ja, so sagen wir Segler den Leuten, die weit oben auf einem riesigen Kreuzfahrtschiff stehen und tolle Schnappschüsse von uns machen, während ihr Koloss uns womöglich gerade den Wind zu den Segeln raus nimmt ;-).

Lieber Freund, nun bist du zu sehr an deine Wohnung gebunden, zu schnell, und zu früh. Wenn du möchtest, dann nehme ich dich mit auf unsere Reise. Komm mit, es braucht fast nichts dazu! Lass dir ein iPad geben. Es braucht keine Sekretärin, um dieses zu bedienen. Es ist so einfach wie Zeitung lesen, ausser dass man dafür nicht zum Briefkasten muss. Komm mit, ich lade dich dazu ein!

Liebe Grüsse, Markus

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